Gemeinsame Flucht aus dem Horrorfilm

Die Welt hat kurz auf Pause geklickt. Oder nein, eigentlich läuft überall gerade kurz (?) ein anderer Film. Aus dem Genre Horror wie es scheint. Zumindest ist unser alte Film oder sagen wir die alte Serie kurz angehalten wurden, diese Serie, der für einige gemütlich, aber nicht für alle wirklich zufriedenstellend war. Aber wir haben immer weitergeschaut, weil wir kannten diese Serie und wussten, wie wir uns damit gemütlich machen konnten. Außerdem dachten wir, es gibt keine andere Serie. Und im Vergleich mit dem Horrorfilm sehen wir gerade auch, an welchen Stellen es bei unserer alten Serie gehapert hat. Viele sehen zum ersten Mal auch, warum es zu diesem Horrorfilm kommen konnte. Man hätte zum Beispiel mehr in die Schauspieler*innen investieren sollen, ihnen bessere Requisiten geben, sie besser ausbilden, vielleicht auch einfach mehr einstellen sollen, anstatt die Specialeffects ständig weiter wachsen zu lassen. Die sind zwar irgendwie ganz nett anzusehen, aber wie lang bleiben sie im Kopf haften? Und im Horrorfilm sind die Specialeffects der Grund, weshalb es uns gruselt und sich manch eine*r die Augen zuhalten muss. Während wir also dem Horrorfilm zusehen, oder uns vielleicht versuchen mit etwas anderen ablenken, fangen die ersten an, nach dem alten Film zu verlangen. Macht ja Sinn, weil das kennen sie ja. Solange der Horrorfilm läuft, wird das aber schwierig sein, weil dann die beiden Filmspuren übereinander liefen und dann kommt es auf die Bilder des Horrorfilmes an, ob wir den darunter erkennen können.

Aber was wir tun können, ist darüber nachdenken, wie unsere Serie in Zukunft aussehen könnte. Ob wir wirklich immer noch so viele Specialeffects nötig haben oder ein Teil des Budgets nicht für die restlichen Strukturen verwenden sollten. Ein besseres Catering, bessere Requisiten, eine bessere Ausbildung für die Schauspieler*innen. Eine bessere Zusammenarbeit mit dem Studio nebenan. Mit gemeinsamen Ressourcen reicht es dann auch wieder für die Specialeffects. 

Was versuche ich hier eigentlich zu sagen? 

Unsere Welt ist gerade in einer besonderen Situation und vieles, was wir als gegeben gesehen haben, ist auf einmal nicht mehr wahr. Menschen mit gut bezahlten Jobs aus der Wirtschaft sitzen auf einmal mit Kurzarbeitsgeld auf dem Sofa. Manche Jobs mit prekären Arbeitsbedingungen werden auf einmal als systemrelevant eingestuft. Solidarität, ehrenamtliches Engagement, früher milde belächelt als etwas, was vor allem Rentner*innen und Studierende tun, um sich zu beschäftigen, dienen als Vorbild und Stütze für viele Menschen. “Der Markt regelt”, die Lieblings-Maxime des (Neo-)Liberalismus, zeigt sein (hässliches) Gesicht und dringend benötigtes Material wird teils mit Wild-West-Methoden zu absurden Preisen aufgekauft. Die Lobbyisten fordern nacheinander staatliche Unterstützung vom Staat. Trotzdem ist jetzt schon abzusehen, dass nicht allen Menschen geholfen werden kann. Weil nicht alle eine Lobby haben. Weil sie am Ende keine Rendite bringen werden. Weil sie schon vorher von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Weil sie schneller aus den (teils prekären) Arbeitsverhältnisse entlassen worden sind, als die ersten Rettungsschirme aufgespannt wurden. Für einige gelten diese Schirme nicht einmal, weil man mit einem Minijob nicht in Kurzarbeit geschickt werden kann. Weil einige in keines der Raster passen. Wie viele haben gerade einen neuen Job angefangen und wurden jetzt in ihrer Probezeit wieder entlassen? Wie viele Studierende, die vorher gerade so klar kamen oder von den jetzt strauchelnden Eltern finanziert wurden, wissen gerade nicht, wie sie Miete etc. finanzieren und nebenbei mit dem Experimentiergeist ihrer Uni umgehen sollen. Wie geht es den Roma und Sinti? Geflüchteten? Obdachlosen? Menschen mit Behinderung? Wer kümmert sich um all diese Menschen? Und wen haben wir sonst noch vergessen? Sind das nicht ganz schön viele, die wir zusätzlich zu den Offensichtlichen mitdenken müssen und können wir nicht eine Lösung finden, die für alle funktioniert?

Ausnahmsweise geht es mir mit der Frage nicht um das Bedingungslose Grundeinkommen, auch wenn es sich aufdrängt. Nein, mir geht es gerade um eine größere Vision. Und das Potential für diese Vision ist da, ich nannte bereits ehrenamtliches Engagement und die abstrakte Nährflamme Solidarität. Klar, nach (über) dreißig Jahren Neoliberalismus und der Ellenbogenmentalität der Babyboomer fällt es schwer, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der es darum geht, zusammenzuarbeiten statt gegeneinander.

Aber die solidarischen Netzwerke, die sich neu und auch außerhalb von Vereinen und Bürger*inneninitiativen bilden, zeigen, dass das Potential da ist. Vor allem in den jüngeren Generation haben viele Verantwortung übernommen, um anderen zu helfen. Möglichkeiten gefunden und genutzt, physical distancing zu überwinden. Und wenn wir man ganz ehrlich in uns reinhören, wir wollen doch eigentlich nicht, dass diese Solidarität wieder verschwindet? Weil wir wissen, dass viele (alte) Menschen auch vorher schon einsam waren und Hilfe beim Einkaufen brauchten. Weil die vielen Regenbögen in den Fenstern auch schön anzusehen sind. Weil es sich gut anfühlte die Erleichterung der alleinstehenden Mutter zu sehen, als wir einen Einkauf lang auf ihre Kinder aufpassten. Unsere eigene Erleichterung, als der Vermieter auf uns zukam und wir eine Lösung gefunden haben. Apropos Miete, in Berlin wollen wir eigentlich auch nicht die ganzen freien Wohnungen zurück auf AirBnB sehen, ich nehme an, in anderen Großstädten ist es ähnlich.

Der Soziologe Philipp Staab erklärt im Interview mit der Zeit, dass  er zwei mögliche Wege für unseren Staat sieht. Diese Vorstellung basiert auf der These, dass wir nicht in die alten neoliberalistischen Muster zurückfallen, sondern es zu einer Art Postneoliberalismus kommt. Die zwei Wege, die er sieht, sind zum einen mehr Kontrolle und Überwachung und zum anderen – und wenig überraschend der für mich verheißungsvollerer Weg – hin zu einem sorgenden Staat, der sich aktiv unserer bestehenden Infrastrukturen annimmt und sich um diese kümmert. Ich würde an dieser Stelle aber tatsächlich gern noch weitergehen und unserer Gesellschaft die Frage stellen: In welcher Welt wollen Wir eigentlich leben? Als Individuen aber auch als Gesellschaft? Was sollten wir jetzt und auch in Zukunft stärken, weil es uns durch die Krise hilft? An welchen Stellen können… nein! müssen wir Abstriche machen? Denn, wir als Gesellschaft gestalten doch den Staat. Wir wählen unsere staatlichen Vertreter*innen und sprechen ihnen jetzt unser Vertrauen aus. Weil wir abhängig von einem funktionierendem Staat und einem funktionierendem Gesundheitssystem sind. Deswegen sind doch aktuell vor allem die Stimmen leise, die sonst versuchen den Staat zu destabilisieren, die keine Lösungen haben, wenn es soweit ist. Und die Solidarität in unserer Gesellschaft ist es doch, die jetzt den Staat wieder stabilisiert. Es muss doch möglich sein, diese Solidarität für alle verfügbar zu machen. Wir können doch nicht weiterhin Gruppen ausschließen, vor allem da diese Gruppen durch den Ausschluss entweder sterben oder das Risiko weiter verbreiten. Dass ist auf diversen ethischen Ebenen nicht richtig.

Und Solidarität in der Gesellschaft muss sich auf den Staat auswirken und da wir in keinem luftleeren Raum leben, bedeutet dies, dass der Staat solidarisch mit den anderen europäischen Staaten sein muss, um auch die EU zu stabilisieren. Die europäische Idee ist eine Idee der Solidarität und diese gilt es zu schützen in dem man sie nutzt. Gerade die Stabilität macht auch aus wirtschaftlicher Sicht Sinn.

Am Anfang beschrieb ich mit einer Film/Serien-Metapher unsere Ausgangssituation und die Möglichkeit, einen neuen Film einzulegen, wenn der Horror vorbei ist. Es wird nicht ganz so einfach sein, unsere Gesellschaft umzugestalten, sowie eine neue solidarische Gesellschaft zu stärken und zu fördern. Viele sind voller Zweifel und haben Angst, dass der neue Film auch mit Horror endet. Egoismus ist auch für viele leichter. Aber denken wir doch mal an diverse Horrorfilme zurück… starben nicht immer die Personen zu erst, die allein waren oder es alleine schaffen wollten? Selbst wenn nicht zuerst, aber allein, voller Entsetzen. Während die Gruppe sich allein dadurch, dass sie zusammen waren, die Angst mildern und aktiver Strategien planen konnte? Pärchen im Tode noch ihre Händchen hielten? Der Virus betrifft uns alle und auch die wirtschaftlichen Konsequenzen werden uns alle treffen. Aber wir können dies durch solidarisches Handeln, im Kleinen sowie im Großen, durchstehen. Niemand weiß, wie dieser Film endet, aber wir können versuchen auf ein Happy-End für alle hinzuarbeiten. Weil es unsere humanistische Pflicht ist. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wer, wenn nicht wir?

 

Linkliste (unsortiert):

“Wir haben uns als Kantianer geouted” – Interview der ZEIT mit Philipp Staab

“Kein Kurzarbeitergeld für Minijobber” – Artikel von Klaus Deuse auf DW

“Schutzmasken verschwunden: Berlin bemüht sich um Aufklärung” – Ein Beispiel dafür, wie der Markt aktuell Ressourcenknappheit regelt, aus dem dpa-Newskanal, erschienen bei der Süddeutschen Zeitung

“Und jetzt alle für alle” – Essay von Cerstin Gammelin zu den Europa-Bonds ebenfalls bei der Süddeutschen Zeitung erschienen

“Her mit dem Corona Soli” – Ines Schipperges hat in Zeit-Online eine Idee aufgeschrieben, wie wir innerhalb unserer Gesellschaft solidarisch wirken könnten

“Corona-Krise und Roma: Die vergessene Risikogruppe” – Keno Verseck schreibt für DW über die prekäre Situation der Roma während der Corona-Krise

“Corona: Obdachlose in Berlin – Zuhause bleiben auf der Straße” – Bericht des BR über die Situation der Obdachlosen in Berlin während der Krise

Alleinreisen

Ich bin gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt. 10 Tage Spanien, davon drei in Madrid und eine Woche im Mietwagen durch Nordspanien. Allein. Über die Erlebnissen auf Reisen werden ich bald noch einige Zeilen schreiben, aber heute geht es mir um die Beantwortung einer Frage, die mir auf Reisen oft gestellt wird. Beziehungsweise eine Unterstellung:

Du reist ganz allein? Als Frau? Wow, wie mutig! Hast du keine Angst?

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Spaetzuender

Do you know what Spaetzuender is? When I search for a translation it says “late bloomer” which is a nice image, but has a different effect actually. “Zuender” can be an exploder or a fuse of pyrotechnic. It’s a technical term and in comparison you have the bloomer, which you see now, it’s a total different image.

Nonetheless the two terms are used for the same kind of person. A person which understands late or having sexual experience later than average. Or you think have that experience later than average. My experience showed me, after school time is over, most of people admit, they were Spaetzuender. I was feeling that myself, because I had my first boyfriend with 16 and first sex with 17, and in school it always sounded like everyone was doing it much earlier. Perhaps some did, but now I think probably not all of them. But I do not want to tell you about my sexual experiences, even some of them are worth to tell. Perhaps another time.

I am a Spaetzuender with other kind of stuff. Stuff I am sure most people do earlier in their life, like in their twenties, and when not, they perhaps never do. Except when they have a (mid-)life crises. I am now in the early/middle thirthies and decided that finally I want to go abroad and travel around. Many people do it in their twenties or never. Why? There are special offers when they are under 27 or they want to see the world and don’t care if they do it cheap. Like living in different hostels with no privacy for weeks or months, just having as much stuff as fitting in their backpack, hitchhiking, or I don’t know. I always wanted to go abroad and live somewhere else, meet new people and see different cultures, but… I never went. I was always so cautious and feeling responsible. I had a cat and didn’t know what to do with her or I had a boyfriend who didn’t want to stay behind and didn’t want to come either and I had no idea how to start anyhow. Now I am Single with no responsibilities and because I am doing my master at university I can use an exchange programm like ERASMUS for the beginning. This week I’ll give in my application for Bologna, Italy. It won’t start like in a year, but that means, I can save some money for it, find a decent spot to live, someone to sublet my flat in Berlin and figure out, if and how it will be possible to write my master thesis while being abroad. My family will be freaking out, if they find out, but one problem a day, and this one needs to wait.

Schnelldurchlauf

Du,

warst irgendwie anders. Aber irgendwie auch gleich. Wir haben uns schnell über Dinge unterhalten, die ich sonst zurückhalte. Aber vieles war so ähnlich, vieles wollte auch einfach raus. Bei dir und bei mir. Ich konnte nicht mehr aufhören, dir zu schreiben. Spontan kam ich bei dir vorbei und du hast für mich gekocht.

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Da ist so viel Gefühl in mir

Du,

ich weiß gar nicht, ob klar ist, was ich hier versuche. In den letzten Monaten habe ich feststellen müssen, dass ich ein stückweit aufgegeben habe. Es ist eine schockierende Wahrheit, festzustellen, dass man die Hoffnung verloren hat. Besonders, wenn es um ein Thema geht, was so wichtig ist. Ich habe die Hoffnung in die Liebe verloren. Weil ich Dich verloren habe. Von vielen Seiten höre ich seit Monaten, ich solle Dich vergessen und ich traue mich ja schon gar nicht mehr, über Dich zu reden, weil ich Angst habe, meine Freund*innen auch noch zu verlieren, weil sie mir nicht mehr zuhören wollen.

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“Bist Du gefährlich?”,

hast Du mich gefragt.

Die Wahrheit ist doch, ich bin nicht gefährlich. Du bist doch eigentlich derjenige, der gefährlich ist. Und die ganze Zeit war. Für mich. Ab dem Punkt, an dem ich merkte, ich hätte Dich gern unter anderen Umständen kennengelernt. Nicht inmitten des Chaos’ in dem ich mich befand. Nicht als ich einerseits wie betäubt und andererseits mein Herz so offen war.

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Wir passen noch nicht

Du,

wir kennen uns schon einige Jahre. Oft herrscht monatelang Stille, aber wir verlieren uns nie aus den Augen. Wir begegneten uns selten, jahrelang gar nicht und irgendwie nur, wenn wir beide gerade Single sind. Auf der Hochzeit deiner Cousine umkreisten wir uns wie Motten das Licht, auch wenn wir beide schwören, der jeweils andere fing damit an. Wir glauben, dass mit uns ist nichts Ernstes, aber von außen stellt sich schon die Frage:

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Wir wäre wunderbar

Du,

Ich würde gern an ein Du schreiben. Und es gibt ja fast immer ein Du, dem man etwas erzählen möchte. Manchmal tut es weh, an ein Du zu denken, weil Du gar nicht willst, dass ich an Dich denke. Aber man hat noch kein neues Du gefunden und an ein vergangenes Du zu denken ist irgendwie leichter, als sich ein neues auszudenken.

An ein Ich möchte ich nicht schreiben, weil Ich mich die meiste Zeit doch nicht ertrage. Weil es eine Verschärfung des Konflikts zwischen Herz und Kopf zur Folge hätte. Die zwei hatten schon öfter Meinungsverschiedenheiten, aber so schlimm war es noch nie. Read More

Warum sollte Generation Y an Einsamkeit sterben?

Love-Pommes

Heute habe ich mal wieder einen Artikel darüber gelesen, dass die Generation Y sich nicht festlegen kann und deshalb wahrscheinlich der Großteil als Single stirbt. Oder so ähnlich. Tinder als Sympton ewiger Einsamkeit, weil keiner sich festlegen will, yadda yadda.

Wenn ich mir manche meiner Freund*innen anschaue, kann ich dem zustimmen. Manche sind auf einer Suche und keiner weiß wonach, am wenigsten sie selbst. Manche scheinen auch definitiv das Falsche zu suchen, deswegen finden sie meiner Meinung nach auch nicht den*die Richtige.

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Geschichten aus Berlin #1: Alexanderplatz im Frühling

Seit Tagen wechseln sich Sonne und Wolken ab. Das einzig konstante ist der Wind. Der nimmt zwar auch ab und zu, aber hört niemals auf. Der gehört zu Berlin wie die salzige Luft zu Sylt. Wie die Menschen auf dem Alexanderplatz. Noch nie bin ich über diesen Platz gegangen und er war menschenleer. Nie war ich dort allein. Dort versammeln sich alle, die in dieser Stadt sind. Die Touristen, die Bewohner; Arbeiter und Arbeitslose; Junge und Alte; Künstler und Investmentbanker; Rechte, Linke, Grüne und Parteilose. Alle paar Wochen stehen dort Buden, weil Weihnachten ist oder Oktoberfest oder Frühling oder Sommer oder ein Straßentheaterfestival oder noch viel mehr. Hier ist immer was los, hier gibt es immer was zu sehen.

Ab Frühling wird es immer voller auf dem Platz. Die Touristen werden immer mehr, die Einheimischen kommen auch aus ihren dunklen Häusern und wollen die erste Sonne genießen. Den Winter verabschieden und die warmen Jahreszeiten begrüßen. Im Frühling blühen die Bäume auf dem Platz. Durch die vielen Menschen, die blühenden Bäume und gelben Straßenbahnen kommt Farbe auf den grauen zubetonierten Platz. Ohne dies alles wäre der Alexanderplatz nur grau und trostlos. Aber durch Farben und dem Gewusel der Menschen wird er bunt und aufregend.